Interview mit einem besonderen Bläser: Stefan Dittrich

Seit mehr als 25 Jahren spielt der Neuenstädter Stefan Dittrich die Zugposaune im Gochsener Posaunenchor. Das ist schon eine ganz schön lange Zeit! Aber wirklich bemerkenswert ist etwas Anderes. Wer ihn spielen sieht, dem fällt irgendwann auf: Dieser Bläser hat ja gar kein Notenblatt vor sich! Er spielt alle Stücke aus dem Gedächtnis.

 

Angesichts der zum Teil hoch anspruchsvollen Musikstücke des Posaunenchors ist das eine unglaubliche Leistung. Aber wenn Stefan Dittrich mitspielen will, dann hat er keine andere Wahl. Denn er ist blind.

 

 

 

R.S.: Stefan, du bist schon von frühester Kindheit an blind. Wie bist du zur Musik gekommen?

 

S.D.: Ich bin in Ilvesheim auf die Blindenschule gegangen. Eigentlich wollte ich gar kein Instrument lernen. Aber da war eine Schulpsychologin, die hat eine Theater-AG geleitet. Einmal hat sie für eine Aufführung ein paar alte Hörner da gehabt. Wir haben aus Blödsinn auf den kaputten Instrumenten rumprobiert, ob wir Töne rauskriegen.

 

R.S.: Und, hat es geklappt?

 

S.D.: (Lacht) Ja, schon. Aber nicht richtig. Zur Konfirmation habe ich von Frau Demel (die Psychologin) 50 Übungsstunden geschenkt bekommen und sie hat mir eine Posaune ausgeliehen.

 

R.S.: Wie hast du das Spielen gelernt?

 

S.D.: Ich war ziemlich schnell über das Anfängerzeug hinweg. Dann hat mir mein Musiklehrer Übungskassetten gemacht. Er hat die Stücke auf dem Tenorhorn gespielt und sie aufgenommen. Ich habe inzwischen eine Menge Rekorder kaputtgespielt. Die halten das nicht lange aus: hören, zurückspulen, hören, zurückspulen…

 

R.S.: Und wie lernst du heute die richtig anspruchsvollen Stücke?

 

 

S.D.: Ich habe immer zwei Kassetten oder CDs. Eine mit dem Tenorsatz und eine mit dem kompletten Satz. Die „Hymn“ vom Sonntag (10.03.) war sehr schwer. Die beiden Tenöre sind sehr ähnlich, die habe ich anfangs verwechselt. Ich habe am Freitag drei Stunden geübt und am Samstag noch mal.

 

R.S.: Wer nimmt dir die Stücke auf?

 

S.D.: Hans–Martin Möss oder Wolfgang und Aaron (Böhringer). Für die Bläsermusik 2013 hat Wolfgang mir eine CD mit den ganzen Sätzen bestellt

 

R.S.: Und wie kommst du mit den CDs zurecht?

 

S.D.: Ich beschrifte alle CDs und Kassetten mit Blindenschrift. Zum Beispiel so (liest vor): Vivace von Georg Friedrich Telemann, Bläsermusik von 2013, Tenor und vierstimmig aufgenommen, Doppel CD, CD 1 Nr. 15. Dann klicke ich mich durch. Manchmal rufe ich auch Wolfgang an, wenn ich nicht weiß, ob es der richtige Satz ist. Dann spiele ich es ihm am Telefon vor und frage ihn.

 

Stefan Dittrich zeigt mir seinen CD-Player und die Brailleschreibmaschine, auf der er alles schreibt

 

R.S.: Wie bist du eigentlich zum Gochsener Posaunenchor gekommen?

S.D.: Das war 1987. Ich habe im Jugendgottesdienst Antje und Harald (Endreß) kennengelernt. Dann bin ich zu ihnen in den Hauskreis gegangen. Ali (Albrecht Winter) war auch dabei. Er hat mir gesagt, ich soll zur Übungsstunde kommen! Die hat damals noch Walter Keinert geleitet


.R.S.: Welche Erlebnisse waren für dich als Bläser besonders eindrücklich?

 

S.D.: Immer wieder der Landesposaunentag. 1988 war ich zum ersten Mal in Ulm dabei.

 

 

 

R.S.: Gibt es Stücke, die du besonders gerne spielst?

 

S.D.: Ich freue mich immer auf neue Sachen. Choräle sind einfach. Aber lange Stücke ohne Wiederholungen sind schwierig!

 

R.S.: Und wie weißt du im Gottesdienst, wann es losgeht?

 

S.D.: Da sagt mir mein Nachbar immer, was drankommt. Mit welchem Ton es anfängt. Und er stößt mich an.

 

Einmal habe ich allerdings einen Fehlstart hingelegt! Ich höre immer darauf, wann sie einatmen. Dann weiß ich: Jetzt geht´s los. Da hat sich aber jemand nur die Nase geputzt oder das Wasser aus dem Instrument rausgelassen. Da habe ich voll meinen Einsatz gebracht – und dann habe ich gehört, dass ich allein gespielt habe! Zum Glück war das, bevor der Gottesdienst los ging.

 

R.S.: Stefan, was machst du in deiner Freizeit, wenn du nicht gerade Posaune übst?

 

S.D.: Ich fahre gerne Tandem mit meinem Bruder. Im Winter machen wir auch Skilanglauf zusammen. Wir haben abgeschnittene   T-Shirts über unseren Jacken mit dem Blindenzeichen vorne und hinten drauf. Mein Bruder lässt mich voraus fahren und passt auf, dass alles frei ist.

 

R.S: Ich bin total beeindruckt. Wie schaffst du das nur alles?

 

S.D.: Ich kenn´s bloß so. Hab´s nie anders erlebt. Ich brauche halt immer Leute, die mir helfen. Ich bin froh, dass mein Bruder mich in die Übungsstunde fährt und wieder holt!

 

Stefan Dittrich weiß noch viel mehr zu erzählen. Aber dafür reicht der Platz an dieser Stelle nicht. „Herzlichen Dank, Stefan! Ich glaube, wir können viel von Dir lernen. Ich wünsche Dir Gottes Begleitung Tag für Tag, und dass er Dir immer wieder Menschen an die Seite stellt, die Dich unterstützen, wo es nötig ist.“

Renate Schünemann